Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen darüber finden Sie in den Nutzungsbedingungen. Nutzungsbedingungen
GBH

FSG-ÖGK/Huss zum 8-Punkteprogramm der NÖ Landesregierung

Viele Gemeinsamkeiten in den Therapieansätzen, aber auch einiges an Placebo

Die Niederösterreichische Landesregierung hat kürzlich ein 8-Punkteprogramm zur Verbesserung der Versorgung mit ÄrztInnen insbesondere auf dem Land vorgestellt. „In der Diagnose sind wir uns einig“, so Andreas Huss, Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), „Auch die Therapieansätze sind in vielen Punkten ident. So mancher Vorschlag geht aber über ein Placebo nicht hinaus.“

Ausbildung und Zugang zu Universitäten

„Völlige Übereinstimmung sehen wir mit der Forderung, am Unizugang zu arbeiten“, stimmt Huss den Forderungen der Landeshauptfrau zu. Wichtige Kompetenzen, wie sie in Hausärztepraxen nötig wären, spielen im aktuellen System eine untergeordnete Rolle. „Vielmehr versucht der Universitätsapparat, die besten Köpfe für eine Unilaufbahn über eine Aufnahmeprüfung zu finden. Was also den Unizugang, die Unterstützung durch ein Landarzt-Stipendium oder die Verpflichtung betrifft, einige Jahre im öffentlichen Gesundheitssystem, idealerweise in einer Landarztpraxis, zu arbeiten, sehe ich 100%ige Übereinstimmung mit unseren Forderungen. Genauso wie mit einer hausarztorientierten Ausbildung schon während des Studiums zum Facharzt für Allgemeinmedizin.“

Ausbildung im Spital 

Differenzierter sieht Huss die Ausbildung nach dem Studium in den Spitälern: „Wenn ein junger Mediziner ins Spital kommt und erklärt, er möchte Allgemeinmediziner werden, wird er dort üblicherweise schon schief angesehen und mit der Bemerkung bedacht ‚Mach doch was Gescheites‘. Hier sind in erster Linie die Spitalserhalter, also die Länder, aufgerufen, in den Spitälern für ein hausarztfreundliches Klima zu sorgen. Das ist insofern aber schwierig, weil auch die Spitäler ihre Systeme erhalten müssen und händeringend um Personal für ihre Stationen und Ambulanzen kämpfen. Für Menschen, die nach der Ausbildung als Vertragsarzt oder Vertragsärztin in den niedergelassenen Bereich wollen, besteht hier weniger Verständnis“. Huss fordert daher mehr Ausbildungsplätze in den Spitälern und vor allem die Möglichkeit, sich zum Facharzt für Allgemeinmedizin ausbilden zu lassen.

Neue Formen der Zusammenarbeit 

Für Huss besteht Konsens, dass vielfältige und unterschiedliche Lebenssituationen der zukünftigen niedergelassenen ÄrztInnen in flexiblen Zusammenarbeitsformen abgebildet werden müssen. Der Arztberuf wird weiblicher, mehr als 50 % der Uniabgänger sind mittlerweile Frauen. „Darauf müssen wir unsere Versorgungsmodelle abstimmen“, sagt Huss, „Gruppenpraxen, Jobsharingpraxen, Primärversorgungseinrichtungen, Teilgruppenpraxen, Anstellungsmöglichkeiten von ÄrztInnen bei ÄrztInnen usw. werden die Versorgungsmodelle der Zukunft sein. Der Alleinkämpfer, der 24/7 als Landarzt zur Verfügung steht, wird eher die Ausnahme werden. So ein Systemumbau braucht aber Zeit. Das geht nicht von heute auf morgen. Es dauert, bis eine neue Ärztegeneration das umsetzt, was wir jetzt als nötig erachten. Etablierte Ärztinnen und Ärzte mit eingespielten, oft jahrzehntelang bestehenden Praxen sind davon oft nicht mehr zu überzeugen.“ Niederösterreich ist hier aber schon auf einem guten Weg. Derzeit haben wir dort 158 Gruppenpraxen. Allein im Bereich Allgemeinmedizin sind es 79.

Honorierung und Zusammenarbeit mit der ÖGK 

Die Arbeitnehmervertreter in der ÖGK haben bereits am 1. Juli 2020 eine Änderung in den Honorierungssystemen der HausärztInnen vorgeschlagen. Das Ziel: mehr Pauschalhonorierung und eine bessere und zielgerichtete PatientInnenbetreuung durch Einschreibemodelle. Für Huss würde das zu einem erheblichen Bürokratieabbau und auch in Pandemiezeiten zu stabilen Honorareinnahmen für ÄrztInnen führen.

Das Gesamteinkommen beträgt laut IHS und anderer Studien im Schnitt rund 7.000 Euro netto (gerechnet auf 14-Mal). Für den Obmann der ÖGK ist das durchaus attraktiv: „Gerade in Niederösterreich, aber auch in anderen Ländern wurde bei den Honorarverhandlungen in den letzten Jahren immer wieder auf eine weit überdurchschnittliche Erhöhung der Hausarzthonorare geachtet.“

Aber auch die Bürgermeister und Länder müssen aktiver mitarbeiten, wenn es etwa um die Zur-Verfügungstellung von leistbaren Praxisräumlichkeiten geht, oder um die Finanzierung von Primärversorgungseinheiten. Da hat mittlerweile Oberösterreich schon die Nase vorne.

Einsparungen durch Ärztemangel? 

Auf die Frage, ob der Ärztemangel der ÖGK zu Einsparungen verhelfe, kontert Andreas Huss: „Das wäre der Fall, wenn bei weniger Ärzten auch weniger Menschen krank würden. Das ist aber nicht der Fall, denn die Menschen weichen zu anderen ÄrztInnen aus – und diesen müssen ebenfalls Honorare bezahlt werden. Gerade jetzt, wenn Deckelungen und Limitierungen wegfallen, spart sich die ÖGK gar nichts bei unbesetzten Arztstellen“, so Huss. „Unser Anliegen ist eine flächendeckende gute Versorgung mit ÄrztInnen, Pflegekräften, PsychotherapeutInnen, PysiotherapeutInnen, ErgotherapeutInnen und LogopädInnen. Eine gute Versorgung spart uns volkswirtschaftlich am meisten, denn sie führt zu mehr Gesundheit und damit auch zu einem volkswirtschaftlichen Gewinn für uns alle“, argumentiert der Obmann. „Die ÖGK ist schließlich keine Aktiengesellschaft, die am Jahresende ihren Aktionären Gewinne und Dividenden bescheren muss, sondern wir sind das Eigentum von 7,2 Millionen Versicherten, die sich gute Leistungen und ein gutes Service erwarten.“

Flächendeckende Leistungsharmonisierung 

In der ÖGK werden derzeit Versorgungsdefizite analysiert und bewertet. Andreas Huss: „In der Psychotherapie haben wir bereits reagiert und werden ab nächstem Jahr 20.000 zusätzliche Plätze schaffen. Damit erhöhen wir die Versorgung um 30 %. Gleiches planen wir für die Ergotherapie und die Logopädie.“ Huss stellt aber auch die Frage, ob alle bisher ärztlichen Tätigkeiten wirklich von ÄrztInnen verrichtet werden müssen, oder ob für Visiten, Wundmanagement, Diabetikerversorgung und dergleichen auch Pflegekräfte herangezogen werden können. „In der Praxis werden schon jetzt viele dieser Tätigkeiten von PflegerInnen erledigt. Das muss sich auch in unseren Verträgen abzeichnen. Denn, dass die Pflege bei gleicher Qualität sehr viele medizinische Leistungen erbringen kann, die derzeit allein ÄrztInnen vorbehalten sind, zeigen mittlerweile unzählige Beispiele aus anderen Ländern.“

„Das alles geht nur gemeinsam“, erklärt Huss abschließend. „Ich lade alle verantwortlichen PolitikerInnen in Ländern und Bund ein, an einer Hausärztestrategie mitzuarbeiten, die all diese – und noch mehr – Inhalte berücksichtigt und als Grundlage einer in fünf bis zehn Jahren wesentlich verbesserten Versorgung dienen soll.“

 

 

Artikel weiterempfehlen

Die Gewerkschaft Bau-Holz in
den Bundesländern...