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„Pressekonferenz der Betroffenen“: 60-Stunden-Woche bedeutet „voller Einsatz für die Arbeit“, aber „Leben in Teilzeit“

Muchitsch: „Mit 1.1.2019 wird es Opfer geben“ - Frauen, Familien, Schwerarbeiter und Beschäftige im Tourismus werden die großen VerliererInnen sein

Um zu zeigen, wie negativ sich die 60-Stunden-Woche auf das Leben der ÖsterreicherInnen auswirkt, hat die SPÖ zur „Pressekonferenz der Betroffenen“. geladen. „Der 12-Stunden-Tag geht sich mit den Öffnungszeiten der Kindergärten gar nicht aus. Und wer stellt die ‚unflexiblen‘ Alleinerziehenden dann ein? Wie sollen sie sich und ihre Kinder erhalten?“, fragt Andrea Czak, alleinerziehende Mutter und Gründerin des AlleinerzieherInnennetzwerks Wien.

Berend Tusch, gelernter Restaurantfachmann und Zentralbetriebsratsvorsitzender der Austria Trend Hotels, berichtet, dass in der Tourismus-Branche bereits jetzt „geteilte Dienste“, die sich über 16 Stunden erstrecken, und 6-Tage-Wochen üblich sind. Diese Praxis werde zunehmen. „Wir arbeiten Vollzeit und leben in Teilzeit“, so Tuschs Fazit. Mit Einführung der 60-Stunden-Woche werde der Druck und Stress auf die Beschäftigten massiv zunehmen, sind sich Czak und Tusch sicher. „Hier wird eine rote Linie überschritten. Man kommt sich vor wie ein Mensch zweiter Klasse“, betont Tusch.

Für den Vorsitzenden der Gewerkschaft Bau-Holz Abg.z.NR Josef Muchitsch ist der Initiativantrag der schwarz-blauen Regierung, der jetzt durch das Parlament gepeitscht werden soll, ein „Grusel-Antrag“: Er bringt den ArbeitnehmerInnen keinerlei Verbesserungen, sondern „viele versteckte Fouls“. „Die ganz großen VerliererInnen sind die Frauen, die Familien, die Schwerarbeiter und die Beschäftigten in der Tourismusbranche“, sagt Muchitsch.

Andrea Czak, bis vor eineinhalb Jahren im Einzelhandel tätig, betont, dass sich eine 60-Stunden-Woche mit einem Vollzeitjob für Alleinerziehende nicht ausgehen wird: „Neben der Vollzeitarbeit kommen noch Pendelzeiten hinzu. Und die Arbeit ist ja auch zu Hause nicht vorbei. Da heißt es Essen kochen und bei den Hausaufgaben helfen.“ Für sie ist klar: Ausschlaggebend für eine Anstellung wird künftig immer weniger die Qualifikation sein, sondern die Bereitschaft bzw. die Möglichkeit, viele Überstunden zu machen. Für den Gesetzesvorschlag der Kurz/Strache-Regierung findet sie klare Worte: „Das ist Politik gegen Menschen. Dieses Gesetz ist menschenverachtend und familienfeindlich.“ Sie fordert: „Nein zur 60-Stunden-Woche, Ja zur 30-Stunden-Woche!“

„Wir sind jetzt schon immer wieder konfrontiert mit herausfordernden Arbeitszeiten; vor 20 Jahren habe ich gedacht: Es wird besser werden, das Arbeitsrecht entwickelt sich weiter. Doch es wird schlimmer: Der Stress und Druck auf die Kollegen wird weiter steigen“, sagt Berend Tusch. Bisher sorgten Betriebsvereinbarungen dafür, dass „geteilte Dienste“ – Dienstbeginn 8.00 Uhr und nach einer 3- bis 4-stündigen Pause am Nachmittag ein weiterer Dienst bis der letzte Gast gegangen ist – die Ausnahme blieben. Mit dem schwarz-blauen Gesetz „wird sich dieses Modell durchsetzen, nicht nur bei den schwarzen Schafen“, ist Tusch überzeugt. „Wo bleibt da die Zeit zum Leben?“ Auf der Strecke bleiben neben der eigenen Gesundheit und der Familie auch die Möglichkeiten zur Weiterbildung. Diese wurden von vielen Beschäftigten gerade in der Tourismusbranche gerne genutzt. „Die machen sich Sorgen: Wie sollen sie ihren Abschluss nachholen, wann lernen?“. Den Menschen würden die Perspektiven genommen. Dazu komme die Gefahr des „Arbeitens auf Abruf“. „Und wenn kein Bedarf mehr ist, heißt es: Du kannst dich beim AMS melden.“ Für Tusch steht fest: „Politik muss dafür sorgen, dass es Sicherheit gibt; nicht nur an Grenzen, sondern soziale Sicherheit, Arbeitsplatzsicherheit.“

Sozialsprecher Muchitsch dankt den Betroffenen für ihren „Mut, auf die Bühne zu gehen“. ExpertInnen aus allen Bereichen seien sich einig, dass der schwarz-blaue Entwurf eine „Einbahn“ ist. „Er bedeutet mehr Arbeit, nicht flexibleres Arbeiten. Und keinerlei Mitbestimmung durch die ArbeitnehmerInnen“, kritisiert Muchitsch. Die Ankündigungen der Regierung, die „Freiwilligkeit“ im Gesetzentwurf festzuhalten, ändere daran nichts. „Bisher gab es klare Regeln durch gemeinsam getroffene Vereinbarungen und einen fairen Ausgleich, die Möglichkeit zu Erholung. Nun kann der Arbeitgeber den 12-Stunden-Tag alleine anordnen.“

Viele Unternehmen in Österreich „schauen auf ihre Beschäftigten“ und kommen ihrer Fürsorgepflicht nach, so Muchitsch. Doch es gebe schwarze Schafe, die dieses Gesetz ausnutzen werden und durch den verschärften Wettbewerb auch die anderen Unternehmen unter Druck setzen. Dabei sei dieses Gesetz gar nicht notwendig, bekräftigte Muchitsch. Mit den bestehenden Ausnahmeregelungen sei es bisher immer gelungen, dass auch in Zeiten der Hochkonjunktur „jeder Auftrag pünktlich fertig geworden ist.“

Muchitsch bekräftigte sein Angebot, sich mit ÖVP und FPÖ an einen Tisch zu setzen, Gespräche zu führen und einen Konsens zu finden. „So wie es ist, verbessert dieses Gesetz nichts.“ Muchitsch ist überzeugt: „Mit 1.1. 2019 wird es Opfer geben. Denn der Satz mit der Freiwilligkeit bringt den Betroffen gar nichts.“
 

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